Samstag, Januar 21, 2012

Nach dem Überfall auf einen Behinderten
Täter verurteilt - Opfer hat jetzt Angst vor Rache

Die schweren Verletzungen, die ein 43-jähriger Behinderte bei einem brutalen Überfall durch drei Jugendliche in Salzgitter erlitt, verheilen allmählich. Nachdem der 15-jährige Haupttäter kapp zwei Wochen nach dem er den Behinderten zusammnegeschlagen ind ihm unter anderem mit Schlägen und Tritten die Nase gebrochen hatte, zu einer dreijährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde (cLBerichtete ausführlich), hat das Opfer jetzt Angst, die Täter könnten sich an ihm rächen.

In der Braunschweiger Zeitung schilderte der Behinderte jetzt weitere Einzelheiten des Übergriffs: Die jungen Täter hatten ihm auf einem Feldweg aufgelauert und ihn zu Boden geworfen. Während ein 14jähriger ihn festhielt und ein zwölfjâhriger tatenlos zuschaute, hatte der jetzt verurteilte 15jährige Haupttäter ihn immer wieder mit Schlägen ind Tritten traktiert. Erst als ein beherzter Jogger einschritt, ließen die Täter von ihrem Opfer ab und ließen den Behinderten schwer verletzt zurück

Der 43-jährige leidet seit seiner Geburt an schwerer Osteoporose und einer halbseitigen Gesichtslähmung. Er ist weitestgehend wehrlos; bereits ein leichter Stoß reicht, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Die Mutter des Opfers schilderte in der Braunschweiger Zeitung, dass ihr Sohn schon seit langem von Jugendlichen verfolgt und "gehânselt", als "Missgeburt" beleidigt und tätlich bedroht wurde.

Vor schlimmeren Übergriffen hatte ihn bisher wohl sein Schäferhund Cira bewahrt, der ihn ständig begleitete und beschützte. Als der Hind vor drei Wochen verstarb, hatten der jetzige 15jährige Täter dem Mann unmissverständlich gedroht: "Dein Hund ist tot. Jetzt bist du dran". Kurz darauf machten er und seine Begleiter ihre Drohung wahr.

Jetzt prägen Angst und Schmerzen den Alltag des Behinderten. "Mein Sohn traut sich kaum mehr allein aus dem Haus - nur noch kleine Runden ums Grundstück wagt er", sagt die Mutter der örtlichen Zeitung gegenüber.

jos

Der folgende Kommentar wurde heute als Leserbrief von der Braunschweiger Zeitung im Wortlaut veröffentlicht (unter anderem als Antwort auf andere Lesermeinungen, die nach drakonischen Strafen und Polizeistaat riefen)

chronischLEBEN-Kommentar
Behinderten-Alltag - zwischen Rücksichtnahme und  Angst

Korrekt und mit Augenmaß reagiert haben Polizei und Justiz im Fall des mutmaßlichen 15jährigen Haupttäters beim Überfall auf einen Behinderten.

Dem Täter zeitnah, konsequent und spürbar klar zu machen, was von seinem menschenverachtenden Tun zu halten ist, halte ich für die einzig mögliche Antwort. Und: 3 Jahre Freiheitsentzug ist alles andere als eine "Soft-Strafe". Zu hinterfragen ist in diesem wie in anderen Fällen allerdings, ob und wenn ja wie die Haftzeit genutzt werden kann, den Täter zu sozialisieren.

Lösen lässt sie das Problem der wachsenden hemmungslosen Gewalt gewiss nicht durch härtere Gesetze und Strafen. Die jungen Täter sind Täter, aber auch Opfer. Opfer eines Umfelds, das sie zu Versagern macht, die dem gnadenlosen Leistungsdruck der Gesellschaft nicht gerecht werden können und die dann einen hilf- und wehrlosen "Underdog" suchen, auf dem sie im wahren Sinn des Worten herum trampeln können.

Als gehbedinderter Behinderter mache ich in meinem Alltag übrigens meist die positive Erfahrung, dass Rücksicht auf meine Behinderung und die anderer Behinderter genommen wird - sei es beim Öffnen schwerer Türen, beim Überwinden von Treppen-Barrieren oder beim Fahren in Bus und Bahn. Junge Menschen begegnen mir dabei ebenso behindertengerecht wie alte. Die Gesellschaft hat offenbar dazu gelernt.

Aber: Ich traue mich mit meinem Rollator ehrlich gesagt weder in die Nähe von alkoholisierten Gruppen noch bei Dunkelheit auf einsame Wege oder ohne Begleitung in späte Bus- oder Straßenbahnlinien.

Beide Erfahrungen sind meine Behinderten-Realität.

Norbert Jos Maas

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